Aktuelles aus den Medien und dem Internet
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Wir als Ärzte... |
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Diese Artikel erschienen oder erscheinen auch im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern am Albis und werden hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen und Autoren wiedergegeben. |
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Start up |
Dr. med. Heiner Lachenmeier |
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Ärzte nehmen im Gesundheitswesen eine zentrale Funktion wahr. Wie keine andere Berufsgruppe werden wir mit allen Aspekten des Gesundheitswesens konfrontiert. Wir stehen nicht nur Fragen der Finanzierbarkeit, des Machbaren und Sinnvollen in der Medizin gegenüber, sondern sind in erster Linie den Patienten verpflichtet. Deshalb drängt es sich auf, die ärztliche Sicht zu Fragen im Gesundheitswesen darzustellen. In diesem Sinn startet mit diesem Artikel eine Kolumne im "Anzeiger", die hauptsächlich von Ärzten des Bezirks Affoltern verfasst wird. In meiner allerersten Woche als Medizinstudent vor über 20 Jahren wurde ich in einer Vorlesung mit Fragen der Ethik in der Medizin konfrontiert. Wir waren alles noch unreife und im besten Sinn pubertäre Studentinnen und Studenten. Ein einfühlsamer Professor versuchte uns daher gleich zu Beginn unseres langen Ausbildungsweges zu vermitteln, dass unser zukünftiger Beruf weder eine Unterhaltungsserie noch ein Börsengeschäft ist, sondern sich der Realität der menschlichen Natur mit all ihren Leiden widmet. Mancher sah sich bereits als Heilsbringer der Premium - Klasse. Theoretisch war uns das natürlich allen klar. Mancher sah sich im Geiste sogar bereits als Heilsbringer der Premium-Klasse. Bar jeder Erfahrung und bar jeden Wissens waren wir sicher, einst mit mehr Verstand und Verständnis als unsere Vorgänger wirken zu können. Dass uns dazu jegliche Grundlagen fehlten, negierten wir - ein Privileg der Jugend. Doch immerhin waren wir uns klar, noch keine Ärzte zu sein. Als dann einer von uns auf eine Frage des einfühlsamen Professors seine Antwort mit "wir als Ärzte ..." begann, brauste schallendes Gelächter durch den Hörsaal. Ungewollt hatte uns dieser Mitstudent zu der ethischen Erkenntnis gebracht, dass wir uns noch nicht als Experten fühlen durften, nur weil wir seit einigen Tagen Medizinstudenten waren, und darüber hinaus sogar einige Kinderkrankheiten durchlebt hatten. Wenn ich heute beim Zappen durch verschiedene Fernsehprogramme in einer Arztserie lande oder in der Zeitung gebildete Artikel von Gesundheitsoekonomen lese, kommt mir manchmal jener Mitstudent in den Sinn. Dabei denke ich auch an meine eigenen unbedarften Ansichten von damals. So vieles, was in der Öffentlichkeit über das Gesundheitswesen, die Medizin und die Ärzte verbreitet wird, erscheint für den Insider wie die oben beschriebenen jugendlichen Fehleinschätzungen. Diese werden kaum auf bösem Willen basieren. Wenn aber ein kompliziertes System unter Teilaspekten betrachtet wird, denen häufig mangelnde und verzerrte Informationen zugrunde liegen, führt dies schnell zu falschen Schlussfolgerungen. Ein Beispiel: Zu recht wird heute vermehrt auf die wirtschaftlichen Aspekte jeder Tätigkeit geachtet. Es wurde erkannt, dass das Einhalten von Marktgesetzen meist die Kosten senkt und gleichzeitig die Effizienz steigert. Nun werden Versuche unternommen, diese Gesetze ins Gesundheitswesen zu übernehmen. Dabei wird übersehen, dass der Gesundheitsmarkt nicht den Voraussetzungen des allgemeinen Marktes entspricht. Es gibt zwar auch hier Anbeter und Konsumenten, die Zahlstellen aber - Versicherungen, Krankenkassen und Subventionen - sind aus dieser Achse ausgeklinkt. Leider werden Marktgesetze unbesehen auf das Gesundheitswesen übertragen. Somit kann bereits ein erster Marktmechanismus, die Regulierung des Konsums über den Preis, nicht funktionieren. Für den einzelnen Konsumenten bleibt der Preis für die medizinische Versorgung im Wesentlichen unbeeinflusst davon, ob er selbst viel oder wenig Leistung bezieht. So wird der Preis nicht über die Nachfrage reguliert. Vielmehr wird er nach Verhandlungen zwischen Ärzten und Krankenkassen von politischer Seite festgelegt. Zudem entspricht in der Regel der Konsum medizinischer Leistung nicht dem sonst marktbestimmenden Kaufinteresse, sondern gründet auf gesundheitlichen Problemen. Damit ist eine medizinische Leistung nicht ein Konsumgut, welches sich leistet, wer es vermag und verzichten muss, wer nicht genügend gespart hat. Nochmals anders betrachtet: Im klassischen Markt ist der Zahlende als Konsument am Konsum interessiert. Das Gegenteil ist im Gesundheitsmarkt der Fall. Der Zahlende muss logischerweise am Nicht-Konsum interessiert sein. Folgen wir diesem Gedanken, ergeben sich drei Möglichkeiten: erstens der Zahlende versucht die Bevölkerung gesund zu erhalten (z.B. durch Impfungen, Gurttragepflicht im Auto etc.). Zweitens, die Kassen können versucht sein, sich auf gesunde billige Junge zu konzentrieren und kranke Alte der Konkurrenz zuzuschieben. (zur Zeit sehr aktuell). Und drittens, der Markt zieht es vor, einen schwerkranken Menschen sterben zu lassen. Dies ist billiger als aufwendige und kostspielige Behandlungen. Der Markt zieht es vor, dass ein schwerkranker Mensch stirbt. Ich will nun niemandem im Gesundheitswesen diese zynische Haltung unterstellen. In letzter Konsequenz entspricht sie aber den Gesetzen des Marktes, wie sie heute definiert werden. Dieses Beispiel zeigt, dass die Gesetze des Marktes nicht unbesehen auf das Gesundheitswesen übertragen werden dürfen. Vielmehr müssen Menschlichkeit und Solidarität zu den Voraussetzungen des Gesundheitsmarktes gezählt werden. Ausgehend davon ergeben sich modifizierte Marktstrukturen, z.B. die aus der Achse Anbieter/Konsument ausgegliederten Zahlstellen. Das wiederum führt zu modifizierten Marktgesetzen. Und diese gilt es zu verstehen. Vielleicht fragen Sie sich, was nun "wir als Ärzte" mit dieser Kolumne beabsichtigen. Natürlich sind wir Mitspieler auf diesem Feld und damit nicht neutral. Andererseits sind wir eine Schnittstelle, die mehr als andere Zugang zu allen Bereichen des Gesundheitswesens haben: wir kennen die medizinische Wissenschaft; wir wissen Bescheid über Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen im ambulanten wie im stationären Bereich; zudem waren wir alle auch schon Patienten. Wir sind mit den wirtschaftlichen Realitäten des Gesundheitswesens vertraut. Versicherungsfragen gehören zu unserem Alltag. Notgedrungen mussten wir uns auch politisches Know-how aneignen. Vor allem aber kennen wir aus der täglichen Arbeit das menschliche Leben und Leiden, um das sich das ganze Gesundheitswesen letztlich dreht. Menschlichkeit und Solidarität müssen als Grundvoraussetzungen des Gesundheitsmarktes akzeptiert werden. Solche Überlegungen bewegen uns, Stellung zu nehmen zu wichtigen Fragen im verworrenen und umstrittenen Feld des Gesundheitswesens. Unter dem Titel "wir als Ärzte" werden Sie in Zukunft monatlich Beiträge aus unseren Reihen lesen können. Das werden politische Aufsätze sein aber auch anekdotische. Wir werden medizinische Fragen berühren wie auch private. Wir hoffen, dass dies zur Diskussion in gesundheitspolitischen Fragen beiträgt, die über das "Wissen" aus Arztserien hinausgeht und die zu einem gesellschaftlichen Konsens beiträgt, der mehr als das "Börsengeschehen" im Auge hat. |
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