Sind Zahlen langweilig?

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Wir als Ärzte...

AerzteGesellschaft des Kantons Zürich

Diese Artikel erschienen oder erscheinen auch im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern am Albis und werden hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen und Autoren wiedergegeben.

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Sind Zahlen langweilig?

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Dr. med. Heiner Lachenmeier

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Hand aufs Herz. Hat Sie nicht auch schon mal die Neugier gepackt, wissen zu wollen, was Ihr Vorgesetzter, Ihr Nachbar oder ihr Arzt so verdienen? Ja? Dann will ich Ihnen einige Zahlen verraten.

Natürlich kann die Beurteilung der angegebenen Daten je nach Standpunkt variieren. Die Zahlen beruhen jedoch auf Auskünften von Behörden, Berufsverbänden (soweit erhältlich), Berichten aus seriösen Zeitungen und verschiedenen Studien. Obwohl sie schon lange nicht mehr geheim sind, scheint sie dennoch kaum jemand zur Kenntnis nehmen zu wollen. Am wenigsten die Öffentlichkeit und die Politik. Wie wäre es sonst möglich, dass der Bundesrat seit 1992 mit dringlichem Bundesbeschluss gerade jenen Kostenfaktor im Gesundheitswesen einfriert, der nicht nur zu den niedrigsten gehört, sondern auch eine der geringsten Wachstumsfaktoren aufweist: die Arzttarife.

Ob das stimmt? Wir wissen und hören doch fortwährend, dass sich die "Halbteufel in Weiss" eine goldene Nase verdienen. Also wird unentwegt gefordert, Ärzteeinkommen runter, damit die Krankenkassenprämien endlich sinken. - Ich muss Sie enttäuschen. Von den rund 40 Milliarden, die das schweizerische Gesundheitswesen jährlich kostet, macht das, was die Ärzte schlussendlich verdienen, nur einen bescheidenen Teil aus. Der Bereich liegt bei fünf bis sieben Prozent.

Ich muss zugeben, auch mich als Arzt erstaunt diese Tatsache immer wieder, und leicht gerät sie im Alltag in Vergessenheit. So leicht wie ich immer wieder vergesse, dass die Kosten des Gesundheitswesens noch deutlich unter den Gesamtkosten für den Verkehr liegen, die mit rund 50 Milliarden jährlich zu Buche schlagen. Und gerade der Verkehr verursacht zudem eine ansehnliche Portion der Gesundheitskosten. Nur wird darüber nicht täglich in den Medien berichtet. Doch davon ein andermal. Ich wollte ja aus der Schule plaudern.

Natürlich kann ich keine vollständige Auflistung aller Berufe mit deren Einkommen bieten. Ich möchte Sie auch warnen. Vergleiche können hinken. Mit der notwendigen Vorsicht genossen, können sie jedoch einen Einblick in herrschende Grössenordnungen geben.

Wichtig ist, dass die nackten Zahlen im Zusammenhang mit anderen Kriterien gesehen werden. Beim Einkommen st es sinnvoll, die Dauer der Ausbildung, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen und die Verantwortung zu berücksichtigen. Ebenfalls spielen die Sicherheit bei Krankheit, die Altersvorsorge und andere Sozialleistungen eine grosse Rolle. Natürlich haben die Selbständigen bei den Sicherheiten die schlechteren Karten. Insgesamt komme ich auf folgende Rangliste bei sechs in unterschiedlicher Art verantwortungsreichen Berufen:

Wieviel verdient ein
ca. 55-jähriger ...
Ausbildungszeit nach der Matur Arbeitszeit pro Jahr Einkommen pro Jahr
Flugkapitän der Swissair 2 Jahre ca. 700 Flugstunden inkl. Flugvorbereitung ca. Fr. 250'000.-
Geschäftsführer, gemittelt auf alle Schweizer Unternehmungen ? ? ca. Fr. 241'000.-
Facharzt FMH für Allgemeinmedizin mind. 11 Jahre ca. 1900 Stunden plus (im Säuliamt) 4-5 Wochenendtage Notfalldienst, plus Erreichbarkeit in der Freizeit ca. Fr. 165'000.-
Mittelschullehrer ZH ca. 7 Jahre vergleichbar Angestellte des öffentlichen Dienstes ca. Fr. 160'000.-
Primarlehrer ZH ca. 3 Jahre vergleichbar Angestellte des öffentlichen Dienstes ca. Fr. 125'000.-
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychiatrie mind. 12 Jahre ca. 1800 Stunden plus (im Säuliamt) 20 Wochenendtage Notfalldienst, plus Erreichbarkeit in der Freizeit ca. Fr. 110'000.-

Schon erstaunlich, da verdient der mit der kürzesten Ausbildung und kürzesten Arbeitszeit am meisten, der mit der längsten Ausbildung am wenigsten. Doch auch wenn ich als Psychiater zur letztgenannten Gruppe gehöre, will ich nicht zu sehr jammern. Ich persönlich ziehe es vor, die Abende mit meiner Familie zu verbringen, statt in einem Flughafenhotel in Dubai.

Vielleicht fragen Sie sich, wie meine Zahlen mit den immer wieder in den Medien berichteten, traumhaft mehrhunderttausendfränkigen Ärzteeinkommen in Übereinstimmung zu bringen sind. Tja, diese gibt es wirklich auch. Manchmal vielleicht zu recht. Manchmal wohl auch auf fragwürdiger Basis. Doch der Grossteil der Ärzte, nämlich rund 70%, gehören zu den Grundversorgern und Psychiatern mit den oben erwähnten Einkommen.

Interessant sind diese Einkommenszahlen auch noch im Hinblick auf deren Entwicklung im Laufe der Zeit. So haben die Angestelletenlöhne in den letzten 30 Jahren real um 20% zugenommen, während die Ärzteeinkommen im gleichen Zeitraum real um einen Drittel zurückgingen.

Bei diesen Verhältnissen kann mir als Arzt, und speziell mir als Psychiater, schon mal die Galle hochkommen. Ich könnte diese Entwicklung ja verstehen, falls die Qualität des Gesundheitswesens schlecht wäre. Doch wir verfügen in der Schweiz über das am höchsten entwickelte Gesundheitswesen der Welt. Auch auf Patientenseite zeigt das Schweizerische Kundenbarometer bei Ärzten die höchste Zufriedenheit mit fast 90% Zustimmung. Ganz im Gegenteil zu den Krankenkassen, die das Schlusslicht von 19 geprüften Branchen und Berufsgruppen bilden.

Für mich, und ich hoffe auch für Sie, sind diese Zahlen nicht langweilig. Sie lassen in mir aber zwei Fragen hochkommen:

1. Warum wirkt sich die hohe Zufriedenheit mit dem persönlichen Arzt nicht auf die Wahrnehmung der Ärzteschaft als Berufsgruppe aus? Denn trotz obiger Tatsachen dienen wir Ärzte oft als Sündenböcke für die Probleme im Gesundheitswesen, allem voran für die finanziellen Probleme.

2. Mit welcher Begründung sollten Ärzteeinkommen noch weiter unter jene anderer hochqualifizierter Berufsgruppen sinken?

Und auf diese Fragen habe ich bislang noch von keinem Politiker oder Gesundheitsoekonomen eine befriedigende Antwort gefunden.

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Letzte Änderung: 19.06.2001

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