Sonnenbrand für die Forschung - Selbstversuche in der Medizin

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Sonnenbrand für die Forschung – Selbstversuche in der Medizin

Dr. med. Elisabeth Simons

Elisabeth Simons

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Seitdem sich die Medizin in den letzten Jahrhunderten zu einer exakten Wissenschaft gewandelt hat, verlangen strenge Regeln nach Beweisen für die Stimmigkeit von Theorien und die Wirksamkeit von Therapien.

Dafür braucht es Experimente, deren Durchführung nicht immer unumstritten war und ist. So ist es Gegenstand zahlreicher Diskussionen, ob Tierversuche überhaupt und wenn ja in welchem Ausmass sinnvoll sind. Untersuchungen an Menschen in sogenannten 'Klinischen Studien' dürfen heute in der westlichen Welt nur nach strenger Prüfung durch ethische Kommissionen und im Einverständnis mit den Untersuchten durchgeführt werden. Dies war nicht immer so und die Medizingeschichte kennt leider Beispiele für menschenverachtende Experimente an wehrlosen Gefängnis- und Lagerinsassen, nicht nur aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

Es gab jedoch auch immer Wissenschaftler und Ärzte, die ihre Untersuchungen an sich selber durchführten. Diese Selbstexperimente waren und sind häufig verwegen und die Grenze zwischen Heldentum und Leichtsinnigkeit ist nicht immer klar zu ziehen. Wir profitieren aber heute von vielen Erkenntnissen, die unerschrockene Forscher bei der Untersuchung des eigenen Körpers gewonnen haben.
Die Grundlagen für die heute so häufig durchgeführte Herzkatheterisierung wurden durch den Berliner Chirurgen Werner Forssmann (1904-1979) gelegt. Als junger Arzt führte er sich selber 1929 über eine Armvene einen Katheter in die rechte Herzkammer ein. Seine Vorgesetzten hatten ihm diesen Versuch strikte verboten, da nicht bekannt war, was es für Folgen hat, wenn man mit einem Fremdkörper in das Herz eindringt. Forssmann musste diesen Eingriff daher heimlich (mit einem Blasenkatheter!) und ohne Hilfe durchführen. Das Unternehmen wurde dadurch sicher nicht ungefährlicher!
Ein anderer Forscher, der an sich selber experimentierte war der Brite John S. Haldane (1860-1936). Fast sein ganzes wissenschaftliches Leben lang nahm er immer wieder Atemversuche mit teilweise gefährlichen Gasmischungen vor, um herauszufinden, warum sich im Abwassersystem oder im Bergbau so viele tödliche Unfälle ereigneten. Seine Untersuchungen veränderten dann für viele Menschen die Arbeitsbedingungen. Die jahrelang praktizierte Sicherheitsmassnahme, einen Vogel als &Mac226;Warnsystem‘ im Bergbau einzusetzen, ging auf seinen Vorschlag zurück. Bei einem seiner Selbstversuche hatte Haldane sich selber nämlich noch rechtzeitig retten können, da die Maus, mit der er zusammen Kohlenmonoxid einatmete, kurz vor ihm bewusstlos wurde. Auf diese Art bemerkte er, dass kleine Tiere empfindlicher als Menschen auf eine Kohlenmonoxidvergiftung reagieren.

Es gab aber auch zahlreiche Selbstversuche, die uns heute eher merkwürdig erscheinen und keinerlei bahnbrechende Folgen hatten. Einige Beispiele für solche Unternehmungen finden sich in der Entwicklung der Höhenmedizin.
Als im Verlaufe des 19. Jahrhunderts das Bergsteigen populär wurde und sich der Alpinismus entwickelte, erfuhren in Europa immer mehr Menschen am eigenen Leib, wie unangenehm und gefährlich die Auswirkungen der Höhenluft sein können. Einige Physiologen gingen in Feldversuchen der Frage nach, wie der menschliche Körper auf die Luftdruckerniedrigung im Gebirge reagiert. Im Jahre 1890 wurden am Mont Blanc auf 4358 m Höhe und drei Jahre später auf der Signalkuppe des Monte Rosa auf 4559 m Höhe Hütten errichtet, die auch wissenschaftlichen Zwecken dienten und nicht nur als Schutzhütten für die Bergsteiger konzipiert waren. Die Forscher waren begeistert nun in grosser Höhe bei ihren Untersuchungen ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie arbeiteten jedoch unter Bedingungen, die für unsere Begriffe alles andere als einladend waren. Die beengten Räumlichkeiten, in denen oft wochenlang geschlafen, gelebt und geforscht wurde, beschränkte die Teilnehmerzahl der frühen höhenmedizinischen Expeditionen. Die Physiologen mussten die Untersuchungen daher meistens an sich selber durchführen. Alle erforderlichen Apparate und Instrumente, Brennmaterial und Lebensmittel mussten mit Menschenkraft über den Gletscher in die Höhe getragen werden. Die Arbeitstemperaturen in den Hütten lagen meist unter dem Gefrierpunkt (teilweise bei –7°C), da das kostbare Brennmaterial für die Untersuchungsgeräte gebraucht wurde!

Theodor Egli-Sinclair (1844-1932), ein Zürcher Arzt, berichtete vom Mont Blanc, dass es recht schwierig war, wenn sie morgens mit vereisten Schnurrbärten aufgewacht waren, etwas Blut aus den vor Kälte starren Fingerspitzen zu entnehmen und dann möglichst ruhig – statt vor Kälte zitternd – am Mikroskop zu sitzen, um es zu untersuchen.
Eine deutsche Forschergruppe, die im Jahre 1901 in der Margheritahütte auf dem Monte Rosa forschte, wollte genaue Aussagen über den Stoffwechsel machen und musste daher exakte Kenntnisse über die aufgenommen und ausgeschiedenen Stoffe haben. Sechs Wochen lang verzehrten die sechs Forscher Tag für Tag die gleichen, zuvor genau analysierten, Nahrungsmittel in genau festgelegter Menge – unabhängig davon, ob ihnen aufgrund der herrschenden Bergkrankheit so schlecht war, dass sie fast nichts essen konnten. Wenn sie anschliessend erbrechen mussten, war ihre einzige Sorge, ob nun die Resultate verfälscht sein könnten. Ihre Exkremente sammelten sie in Urinflaschen und Kotbüchsen, die sich neben ihren Schlafplätzen in der Hütte ansammelten. Am Ende der Expedition wurden sie nach Berlin transportiert und dort im Labor analysiert. Die tiefen Raumtemperaturen waren in diesem Fall wohl von Vorteil, der Gestank wäre sonst sicherlich nicht auszuhalten gewesen.

Die Einhaltung des Versuchsplans war wichtiger als die Sicherheit der Expeditionsteilnehmer:
“Trotz des Bewusstseins der grossen Gefahr siegte aber doch das Pflichtgefühl. Wir mussten einen Versuchsmarsch ausführen ...”

Eine andere Gruppe wollte fünf Jahre später den Energieverbrauch in der Höhe untersuchen und unternahm dazu regelmässige 'Versuchsmärsche' von der Capanna Regina Margherita aus. Da diese Hochtouren fest ins Programm eingeplant waren, konnten schlechte Wetterverhältnisse die Durchführung zwar erschweren, nicht aber verhindern. Der Wiener Professor Arnold Durig (1872-1961) schrieb von seiner Monte Rosa Expedition: ”Am 19. August zeigte das Thermometer sogar –22°. Bei eisigem Sturm bahnten wir uns den Weg über den glattgefrorenen Hang trotz aller Warnungen des Kustoden in der Hütte, der unserem Beginnen kopfschüttelnd zusah. Für uns gab es aber nur eine Direktive, das Programm durchzuführen und wir waren froh, dass wenigstens das morgendliche Gewitter aufgehört hatte und die Gefahr des Blitzschlags nicht mehr bestand. (...) Sturm, Nebel und Neuschnee überraschten uns am 26. August morgens. Es schien aussichtslos die Hütte verlassen zu können. Trotz des Bewusstseins der grossen Gefahr siegte aber doch das Pflichtgefühl. Wir mussten einen Versuchsmarsch ausführen, es war darum auch alles Abreden und alle Warnung des wohlmeinenden Kustoden vergebens.”

Die unangenehmen Folgen genau entgegengesetzter Witterungsverhältnisse zog sich Durig einige Jahre später auf einer Höhenexpedition nach Teneriffa zu. Er wollte untersuchen, ob die intensive Sonneneinstrahlung im Hochgebirge die Atmung verändere und sich so die Wirkung des Höhenklimas auf die Tuberkulose erklären liesse. Zu diesem Zweck legte er sich nur mit der Badehose bekleidet und mit einem Gerät zur Gasanalyse der Atemluft verbunden auf ein Bett, das an der Südseite einer Berghütte aufgestellt war. Er erfuhr dann, wie kräftig die kanarische Sonne auf 3260 m Höhe brannte: ”Die Wirkung der Sonne war intensiv. Durig fühlte nicht nur während des Versuchs heftiges Brennen am Körper, besonderes aber an Brust und Oberschenkeln, sondern trug als Folge der Besonnung auch eine ziemlich schmerzhafte 'Verbrennung' der ganzen Vorderseite des Körpers davon, die zu Oedem und zur Blasenbildung auf Brust, Bauch und Beinen führte. (...) Unter der Wirkung von Anästhesinsalbe wurden die Schmerzen gemildert.”

Heute schütteln wir den Kopf über diese Art der Selbstgefährdung, die aus wissenschaftlicher Sicht wohl in dieser Art nicht erforderlich war. Das übergrosse Pflichtbewusstsein und die Bereitschaft für die Forschung auch zu leiden zeigen jedoch mit welcher Entschlossenheit wissenschaftliche Ziele verfolgt wurden. Schlussendlich sind im Fall der Selbstversuche die gleichen Eigenschaften für Dummheiten und Heldentaten verantwortlich.

Letzte Änderung: 19.06.2001

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