Meine Angst vor dem Altwerden

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AerzteGesellschaft des Kantons Zürich

Diese Artikel erschienen oder erscheinen auch im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern am Albis und werden hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen und Autoren wiedergegeben.

 
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Meine Angst vor dem Altwerden

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Dr. med. Peter Knöpfel

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 Ist Alter gleichzusetzen mit Krankheit, Behinderung, Unselbständigkeit ?

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Ich bin seit mehr als 20 Jahren Hausarzt und so fast täglich mit dem Älterwerden in all seinen Facetten konfrontiert. Die zum Teil schweren und tragischen Schicksale berühren mich und lassen mich immer wieder an mein eigenes Altwerden denken, machen mir auch Angst.
Mein eigener Vater ist 80-jährig, im Rollstuhl, auf Pflege rund um die Uhr angewiesen, kann nicht mehr sprechen. Ich weiss nicht, ob er mich noch erkennt. Wird das auch einmal meine Zukunft sein?
In meinem Beruf erlebe ich aber auch Menschen, die in mir ein Bild des Alters als Zeit der Weisheit, Erfahrung und Gelassenheit wachrufen.

Ich treffe alte Menschen, die zu mir kommen von Amtes wegen, zur Beurteilung der Fahrtauglichkeit. Vielleicht etwas nervös wegen der möglichen Folgen meiner Beurteilung, aber sonst gesund. - Gesund? – “Ja klar, der Rücken, und die Knie wollen nicht mehr wie früher, bergauf geht’s halt langsam wegen der Luft und die Nächte sind lang… aber doch, ich bin gesund, mir geht’s gut, und wenn mal etwas wäre, würde ich mich melden.“ Was aber noch nie vorgekommen ist – es war halt auch nie etwas! Sie führen ein Leben, wie wenn’s mich und die Medizin nicht gäbe. Ich bin dem Amt dankbar, dass es sie wenigstens alle 2 Jahre in mein Sprechzimmer führt. Sie verändern mein Bild des alten Menschen, sie nehmen einen Teil meiner Angst vor dem Altwerden mit sich fort.

Es kommen aber auch alte Menschen zu mir wegen Schmerzen, Krankheiten oder Behinderungen. Oft kann ich sie nicht heilen, nicht gesund machen.

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Ist Alter die Zeit der Weisheit und Gelassenheit ?

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Eine alte Frau leidet an Krebs, ich habe mit ihr über eine weitere Abklärung und allenfalls Behandlung diskutiert. Sie hat sich sehr schnell entschieden und mir gelassen folgendes mitgeteilt: “Mir ist es in meinem Leben sehr gut ergangen, ich blicke gerne darauf zurück. Ich habe keine Schmerzen und mag immer noch arbeiten. In meinem Alter ist es nicht mehr sinnvoll, grosse Untersuchungen zu machen. Wenn diese Krankheit mein Schicksal ist, dann soll sie es sein. Ich melde mich bei ihnen wenn die Schmerzen kommen, aber jetzt bin ich ja noch gesund und freue mich täglich an meinem Leben.“

Ein Mann meldet sich bei mir wegen Herzbeschwerden, er leidet an Angina pectoris. Eine Herzoperation könnte die Schmerzen beheben, trotzdem entscheidet er sich dagegen. Er habe sein Leben eigentlich gelebt, habe Schönes und Schweres erfahren und es sei gut so wie es jetzt sei. Und diese Herzkrankheit sei doch die Krankheit, wo man plötzlich und schmerzlos sterben könne, das wäre schon so ein Wunsch von ihm und diese Krankheit lasse er sich nicht nehmen.
Als ich einige Monate später gerufen wurde, lag er tot in seinem Bett, plötzlicher Herztod im Schlaf. Sein Gesicht schien mir eine heitere Gelassenheit auszustrahlen.

Eine andere Frau liegt im Sterben, ich besuche sie in ihrem Haus. Natürlich sprechen wir von den Morphiumtabletten, vom Sauerstoff und vom Nicht-mehr-essen-mögen. Aber viel wichtiger ist ihr, mir von ihrem Leben zu berichten, von den schweren Zeiten früher, aber auch von den Freuden mit Kindern, Enkel- und Urenkelkindern. Ihre Erzählungen drücken etwas aus von dem Bogen, von dem sich schliessenden Lebenskreis, von einem Kommen und Gehen und lassen mich andächtig zuhören.

Diese Menschen fürchten sich nicht vor dem Alter, sie sind alt. Sie wissen um das Näherrücken des Todes, die Begrenztheit ihres Lebens. Das hindert sie nicht, ihr Leben zu leben, im Gegenteil, das Sterben ist Teil ihres Lebens.
Mich beeindruckt, wie sie umgehen mit ihren Leiden, wie sie Behinderungen zu akzeptieren vermögen, wie sie tödliche Krankheiten in ihre Biographien integriert haben. Sie erwarten gar nicht von mir, dass ich sie heile, sie wollen Hilfe von mir in Form von Zuhören, Anteil nehmen, Beratung, etwas gegen die Schmerzen, die Schlaflosigkeit.

Dank ihnen erscheint mir das Altern in neuem Licht, spüre ich neben Angst und Resignation auch Spannung, Neugierde, Erwartung und ein ganz kleines bisschen Gelassenheit.

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Letzte Änderung: 03.08.2003

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