Aus(f)bruch zur Schatzsuche – 10 Tage mit POS-Kindern

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AerzteGesellschaft des Kantons Zürich

Diese Artikel erschienen oder erscheinen auch im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern am Albis und werden hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen und Autoren wiedergegeben.

 
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Aus(f)bruch zur Schatzsuche – 10 Tage mit POS-Kindern

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Dr. med. Eveline Breidenstein-Stoll

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Was tut die Ärztin, wenn der Papier- und Formulare-Berg wächst und er die Sicht und Zeit für die Patienten stielt? Und wenn sich dann noch anbahnt, dass der Bundesrat die Jungärzte im Besonderen für die Misere im Gesundheitswesen verantwortlich machen will und eine Zulassungsbeschränkung für Jungärzte „verordnet“? Sie sehnt sich nach einer „Berufsinsel“ ohne Bürokratie und mit praktischem Kontakt zu benachteiligten Menschen. Mit der Organisation eines Sommerlagers für POS-Kinder bot sich diese Möglichkeit.

Zusammen mit einem fünfköpfigen Leiterteam und einer Köchin zogen sieben POS-Kinder zwischen fünf und knapp elf Jahren ins Sommer-Ferienlager auf eine „Schatz-Insel“ im Tessin. Alle Kinder waren das erste Mal 11 Tage weg von zu Hause und lernten neben der Zelt-Lagererfahrung, auch Selbständigkeit, das sich Einfügen in eine unbekannte Gruppe und eine neue Art der Ernährung kennen. Die abgelegene Alp bot viel Freiraum, um sich körperlich auszutoben, und das motivierte Betreuungsteam und die spezielle Ernährung schweissten den zusammengewürfelten Haufen „schwieriger“ Kinder zu einer „Familie“ zusammen. Die Alltagspflichten (Abwaschen, Rüsten, Aufräumen, Körperpflege usw. ) liessen sich dank konsequenter Erziehung relativ zufriedenstellend durchsetzen und die Disziplin bei Tisch übertraf meine Erwartungen an überaktive Kinder (auch nicht einmal fiel ein Glas um oder ein Teller zu Boden...). Sogar die negative Grundstimmung einiger Kinder zu Beginn des Lagers veränderte sich positiv, so dass auch die sozial Auffälligen miteinander spielen oder einfach in den Tag hinein leben konnten.

Ein Beispiel war das sechsjährige Mädchen M., das bereits auf der Hinfahrt durch ihre negativen Äusserungen („das isch blöd und du bisch doof“) so auffiel, dass ich sie für die Einstiegswanderung mit einem Leiter voraus schickte. Doch auch diese Einzelbetreuung mit entsprechender Aufmerksamkeit reichte nicht, sie davon abzuhalten, die „Samariterübung“ durch ihre Äusserungen zu verraten und somit zu zerstören. Auch während den folgenden zwei Tagen fiel sie damit auf, dass sie häufig Streit anzettelte oder Insekten quälte und tötete. Ab dem dritten Tag wandelte sich ihre Stimmung so, dass sie die destruktiven Äusserungen auf das Zeichnen beschränken, die Insekten beobachten und wieder freilassen und zusammen mit einer Leiterin einen ganzen Nachmittag lang (ohne Programm, sondern nur an der Maggia sitzend) friedlich warten konnte.

Die Kinder konnten „die Schatz-Insel“ erfolgreich erkunden und die Piraten besiegen. Den eigentlichen Schatz, den sie in diesen zehn Tagen fanden, war aber nicht jener in der Truhe. Vielmehr zählt wohl in Zukunft die Erfahrung, dass sie trotz ihrer Andersartigkeit zu vollwertigen Mitgliedern einer Gemeinschaft wachsen und „eine gute Zeit“ haben können, wenn sie speziell unterstützt werden und auf ihre Empfindlichkeiten Rücksicht genommen wird!

Das Bewusstsein dieses Schatzes motivierte mich, auch dieses Jahr wieder ein solches Lager durch zu führen, und auch im Alltag die „kleinen Schätze“ zu suchen und heben zu helfen.

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- POS bedeutet Psycho-Organisches Syndrom und ist die in der Schweiz verbreitete Bezeichnung für ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) bzw. ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom).

Die betroffenen Kinder zeigen Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Ausdauerschwierigkeiten, sind leicht ablenkbar, können ihre Impulse schlecht kontrollieren (d.h. sie können nicht warten, sondern „schiessen sofort rein“, wenn sie etwas sagen oder tun wollen) und sie können schlecht mit Frustrationen umgehen. Meist sind auch gewisse Wahrnehmungsfunktionen beeinträchtigt, obwohl die Sinnesorgane intakt funktionieren. z.B. scheinen gewisse POS-Kinder schlecht zu hören (oder nur, was sie unbedingt wollen), obwohl die Ohren intakt sind, oder sie können die Körpersprache der anderen Menschen nicht interpretieren und treten dann dauernd ins Fettnäpfchen oder verursachen Streit.

Wenn die Kinder dazu unruhig und dauernd in Bewegung sind, bezeichnet man sie als hyperaktiv; gehören sie eher zu den Träumern, die in sich gezogen und häufig „in einer anderen Welt“ sind, lautet die Bezeichnung hypoaktiv.

POS- bzw. ADS-Kinder bedürfen geeigneter Therapien und spezifischer Förderung, damit sie ihrer Intelligenz gemäss beschult und ausgebildet werden können. Die meisten sind nämlich normal bis überdurchschnittlich intelligent und leiden darunter, nicht so zu sein wie sie eigentlich „wären und könnten“. Die meisten dieser Kinder können sich später normal in die Gesellschaft integrieren und u.U. auch anspruchsvolle Berufe ausüben (ich persönlich kenne einige Oberärzte und Psychologinnen, Malermeister und Wissenschaftler, die ein POS hatten).

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Letzte Änderung: 03.08.2003

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